Scherben fressen

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Verstört schaue ich auf meine Hände herunter.
Das Blut rinnt zwischen meinen Fingern hindurch und tropft auf die Steine vor mir, auf denen sich mittlerweile eine beachtlichen Pfütze gesammelt hat.
Mittendrin liegen Millionen von Scherben in den unterschiedlichsten Größen.

In meiner linken Hand halte ich eine relativ große Glasscherbe, während meine rechte Hand verzweifelt über die verschieden großen Stücke streicht um die Splitter vom Blut zu trennen.
Ich versuche das nächste Puzzlestück zu finden, welches hoffentlich zu dem Anderen in meiner Hand passt.
Mit zittrigen, blutverschmierten  Fingern hebe ich eine gezackte Scherbe auf und versuche sie der anderen Scherbe anzugleichen. Trotz der Blutkruste, die mir die Beurteilung erschwert, scheinen die Stücke zusammenzupassen.
Schluchzend presse ich die Scherben in die linke Hälfte meines Brustkorbes.
Mich durchzuckt ein unglaublicher Schmerz, der sich rasend schnell von meinem Herzzentrum ausgehend durch meinen ganzen Körper verbreitet – bis auch die letzte Zelle meines Körpers von meinem eigenen Gift durchspült ist.
Meine Lungen schnappen verzweifelt nach Luft – doch ich kann nicht atmen.
Das Einzige, was ich neben dem lähmenden Schmerz noch merke ist, wie Tränen meine Wangen herunter laufen.

Nach Luft schnappend und mit tränennassem Gesicht wache ich auf.
Mein Herz hämmert wild – tut jedoch so weh, dass ich mir nicht sicher bin ob mein Körper noch vollständig da ist. Nur um sicher zu gehen, drehe ich mich um.
Seltsamerweise scheine ich noch zu leben.

Ich bin in Windhoek. Und ich träume die dritte Nacht in Folge den gleichen Traum.
Das Gefühl von unbändiger Rastlosigkeit treibt mich aus dem Bett und lässt mich den ersten Kaffee zu brühen.
„Ich muss endlich wissen, was da vor sich geht“ murmel ich vor mir her.
„Need to talk“. Nach langem Hin und Her in meinem Kopf schicke ich die Nachricht ab.

Wir sitzen in einem italienischen Restaurant. „Und, was denkst du?“ Fragend schaue ich in bernsteinfarbene Augen.
Ehrlich gesagt fühlte es sich so an, als ob meine Eingeweide in Flammen aufgehen. Mir wird total schlecht und alles in mir schreit nach dem, was ich am Besten kann: flüchten.
Am Liebsten würde ich jetzt schnurstracks zum Flughafen düsen. Bloß weg hier!
Aber ich reiße mich zusammen, denke noch, dass ich mein enttäuschtes, verletztes inneres Kind nicht jetzt zum Vorschein bringen muss.
Das Wort „break“ brennt sich in mein Gehirn, in mein Herz und in meine Seele.

 

„Was ist eigentlich euer Problem? Ich verstehe das irgendwie nicht?! Hör doch auf dich hinter dir selbst zu verstecken. Ich sag ja nicht, dass du alles riskieren sollst, aber bevor du den Richtigen laufen lässt..“
Ich höre mir Nicoles Sprachnachricht an. Wieder und wieder. Innerlich wissend, dass sie Recht hat, mir selbst einredend dass niemand das Problem versteht: Irgendetwas fehlt.
Unendliche Male, bis über den Punkt des Gefühls von mentaler Erschöpfung hinaus, stelle ich mir die Fragen, die meinen Geist auf Trab halten: Woher weiß ich, dass dieses Mal alles gut geht? Was ist, wenn ich mir die Gefühle nur einrede? Was ist, wenn es gar keine Seelenverwandtschaft gibt? Was wenn doch, aber nur auf freundschaftlicher Ebene? Oder geht das auch auf der Ebene der Liebesbeziehung?
Ich liege in meinem Bett im kalten Deutschland, friere und kann nicht einschlafen. Unentwegt checke ich mein Handy.
Vielleicht hat er ja geschrieben.
Natürlich nicht.
Wir versuchen ja auch gerade irgendwie eine Pause zu machen.
„Break“. Das Wort liegt mir immer noch schwer im Magen.
Genervt von meinem eigenen Verhalten schmeiße ich mein Handy auf den Boden.
Und hebe es wieder auf.
Schaue mir die Fotos an.
Beginne unseren Whats-App-Verlauf durchzulesen.

 
Ich sitze mit Samira giggelnd in ihrem Zimmer, vor uns ein Glas Wein.
„Was für eine geile Geschichte. Das gibt mal eine gute Story für eure Kiddos ab.“
Schmunzelnd sehe ich sie an.
„Ehrlich gesagt: ich glaube schon dass du verliebt bist. Deine Augen bekommen einen besonderen Glanz und deine Stimme wird ganz weich, sobald du über ihn sprichst. Und das tust du nicht gerade wenig.“ Samira grinst.
Ich fühle mich gut. Ich fühle mich immer gut, wenn ich über den Bernstein-Mann reden kann. Ich liebe unsere Geschichte. Und die Art und Weise, wie wir miteinander verbunden sind. Ich muss mich nicht erklären, ich kann ganz ich sein. Ohne Maske.

 
Das Uber rast die Straße entlang. Tränen laufen meine Wangen herunter.
Fuck!
Mein Herz tut bestialisch weh, aber ich habe meinen Verstand siegen lassen.
Morgen fliegt der Bernstein-Mann in seine Heimat.
Ich habe ihm wenige Tage zuvor eröffnet, dass ich Jemanden kennen gelernt habe. In meinem Kopf war alles cool. Wir hatten ja schließlich einige Wochen zuvor beschlossen, dass unsere Seelenverwandtschaft nur auf freundschaftlicher Ebene basiert.
„Are you ok?“ Der Uber-Fahrer sieht mich an.
Schluchzend winke ich ab, atme tief ein und bringe schließlich nur ein Nicken hervor. Ich ahne, dass der mir bekannte Weg, den ich gerade einschlage, nicht der sein wird, der mich glücklich macht.
Sechs Monate später, auf den Tag genau, nachdem ich den Bernstein-Mann im Hostel in Windhoek traf, ist klar dass wir uns versteckt haben.
All die Ausreden die wir hatten, um unsere Mauern um unsere Herzen aufrecht zu erhalten, um ja nicht den Schmerz des verletzten Herzens zu spüren – den wir längst spürten – sind nun ausgesprochen.

Ich wache auf.
Mit vor Tränen nassem Gesicht versuche ich meinen gelähmten Körper zu bewegen.
Mein Herz hämmert wild und windet sich unter der eiskalten Faust, die immer fester zupackt und den Schmerz ins Unerträgliche jagt.
Wohl wissend, dass dies nicht meine letzte Nacht mit diesem Traum sein wird, rolle ich mich auf die Seite und erlauben dem Schmerz für einige Zeit, seinen Platz einzunehmen.

Liebe ist Scherben fressen – warten wie viel Blut man dann kotzt.
(Casper)

 

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