Ubuntu

 

Es schneit.
Ich kämpfe mich mit dem Fahrrad noch wenige Meter vor, bis ich endlich eine Bäckerei am anderen Ende der Straße entdecke.
Yeeeeeesssss!! Kaffee!
Genau das, was ich jetzt brauche.
Mit vor Kälte klammen Fingern friemel ich die Rädchen für das Zahlenschloss in die richtige Reihenfolge. Funktioniert natürlich nicht so schnell, wie ich es gerne hätte.
Scheisse. Ich fluche vor mir her.
Immer raus mit den ganzen Gefühlen.
Fluchen wirkt einfach absonderlich befreiend.

Das warme Gebräu in den Händen haltend, welche dann auch kribbelnd langsam auftauen, starre ich nach draußen in das Schneegestöber.
Kein Vergleich zu den Schneemassen in Tirol.
Sobald der Schnee die Straße berührt, ist er auch schon geschmolzen.
Trotzdem verhalten sich die Autofahrer, als hätten sie noch niemals so etwas Seltsames vom Himmel fallen sehen.

Die letzten Tage, bevor ich wieder nach Südafrika zurückkehre, habe ich mir frei genommen.
Urlaub vom Urlaub sozusagen.
Wobei ich nicht sagen kann, dass ich wirklich Urlaub gemacht habe.
Ich fand die Zeit, die ich seit Oktober im Ausland verbracht habe zwar schön – aber auch unglaublich anstrengend.
Das Einleben in andere Familienstrukturen zieht auch nach sich, dass man tiefe Einblicke in eben diese erhält – wodurch einem eventuelle Verhaltensweisen, die man von sich oder anderen kennt, noch einmal auf eine andere Art und Weise veranschaulicht und anders verarbeitet wird.

Heidelberg ist eigentlich eine meiner deutschen Lieblingsstädte: der Neckar, das Schloss, die grünen Hügel drumherum, die zum wandern einladen, die Altstadt und selbst die Mentalität der Heidelberger war mir stets sehr lieb.
Last but not least: durch die vielen Studenten ist der Altersdurchschnitt wesentlich tiefer als in so manch anderen Städten.
Dieses Mal ist es anders.
Die vielen Touristen, die fotografierend und laut schnatternd durch die Stadt ziehen, einem Händchen hochhaltenden Stadtführer folgend, nerven selbst mich. Um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen: kostümierte Menschenmassen, die durch die Altstadt ziehen. Karneval war ja sowas von noch nie mein Ding.
Wohin ich auch meinen Blick schweifen lasse, sehe ich in müde und graue Gesichter, die Mundwinkel nach unten verzogen. Man könnte ja aus Versehen lachen, fällt mir grinsend ein Spruch meiner Mutter ein, wenn ich zu Teenagerzeiten bemüht darum war, keinesfalls eine Miene zu verziehen.

Normalerweise nehme ich das Alkoholangebot in einem Flugzeug nicht wahr, heute erschien es mir jedoch verlockend: den langen Nachtflug von Frankfurt nach Windhoek verbrachte ich neben einem Passagier, der es sich zum Ziel zu machen schien, sich alle Filme an Board hintereinander anzuschauen.
Ergo war mein Schlaf durch den flackernden Bildschirm und die fehlende Schlafmaske nicht so erholsam wie sonst im Flugzeug.
Nachdem ich dann, etliche Stunden später, hundemüde in den Flieger nach Kapstadt steige, merke ich schnell wie aufgeputscht ich durch den Kaffeekonsum bei meinem Stop-Over bin.
An Schlaf war nicht wirklich zu denken, zudem meine Aufregung bei dem Gedanken an die mir bevorstehende Zeit nun auch langsam stieg.
Nachdem ich nach hinten gegangen war, um mir ein zweites Glas Wein einschenken zu lassen, war die Party bereits im Gange.
Ich haderte für einige Sekunden mit mir – und merkte, dass ich in den letzten Wochen wieder sehr in mich gekehrt war und Kontakte eher zu meiden als zu suchen schien.
Ein kurzer Ruck und kleinen Arschtritt an mich selbst, und schon stellte ich mich der Runde vor.

„Ubuntu“ grinst mich der Steward an. Merlind, neben mir stehend, lacht zunächst laut auf und fragt dann mit großen Augen: „What does it mean?“
Ich lache ebenfalls, merke gleichzeitig wie das zweite Glas Wein seine Wirkung entfaltet und mir in den Kopf schießt. „I am because you are“ antworte ich, den verdutzten Steward zurück angrinsend.
Ich stehe mit Merlind und drei Stewards hinten im Flugzeug, dort wo sich bei kleineren Flugzeugen die Toilette und die Küche, bzw Aufbewahrung der Getränke und Lebensmittel befindet.
„Eish. Your boyfriend must be southafrican, right?“
Nö.
Ich schüttel mit dem Kopf und lasse das Gesagte mal im Raum stehen..
Und dann überrollt mich eine Woge aus reinen Glücksgefühlen.
Ich fühle mich endlich wieder Zuhause.
Wer hat bitte schon mal in Deutschland mit den Stewards im hinteren Teil des Flugzeugs eine kleine Party gefeiert? Eben!

 

Mit Merlind zusammen ging es dann durch die Passkontrolle (irgendwie ist es doch ein sehr befreiendes Gefühl, wenn der Stempel in den Reisepass gedrückt wird) und weiter zum Gepäckband.
Als wir schließlich durch die Tür in den Wartebereich treten, habe ich einen kurzen Flashback.
Dieses Mal werde ich jedoch von meiner künftigen Gastfamilie, inklusive Kids, abgeholt.

Ich drücke Merlind, die von ihrem Freund abgeholt wird, kurz zum Abschied und mit dem Versprechen, mich bald bei ihr zu melden um gemeinsam in Kapstadt etwas zu unternehmen, gehe ich leicht tipsy-wipsy auf meine Gastfamilie zu.
Ubuntu.

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