YOLO

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Ein markerschütternder, gellender Schrei – fast menschengleich – hallt durch die eiskalte Nacht. Mitternacht.
Blitzend zuckt das Licht von zwei Stirnlampen immer wieder an meinen Augen vorbei – und wird von der rabenschwarzen Dunkelheit verschluckt.
Meine eigene Stirnlampe lässt mich auf schwach beleuchtete, unzählbare Beine schauen und wird von einigen wenigen Augenpaaren reflektiert.

„Wo ist das Fohlen?“ schreit es einige Meter vor mir.
Das dunkelgraue, in der Nacht kaum sichtbare Fohlen blitzt mit seiner silberfarbenen Nase vor mir auf – nur um kurz darauf in der nervösen Masse an Pferden wieder zu verschwinden.

„Hier“ schreie ich, springe zur Seite und beobachte wie Martin, ähnlich einem Nachtwächter, entschlossenen Schrittes mit der um sich schlagenden und tretenden  Stute am Halfter auf mich zukommt.
Die Pferde stoben vor Martin auseinander und bilden eine Gasse – seltsamerweise dachte ich in diesem Augenblick an Moses und wie sich das Meer vor ihm teilte: in meiner Vorstellung muss es ähnlich ausgesehen haben, wobei ich weder bibelfest noch gläubig im christlichen Sinne bin.

Die Stimmung der Herde liegt zum Greifen nahe in der Luft, ich spüre Panik, gepaart mit Aufregung und Neugierde.
Trotz meiner Stirnlampe sehe ich nichts, um mich herum sind fünfunddreißig aufgeregte Fluchttiere – und ich merke dass ich starr vor Schreck bin. In meinem Inneren fühle ich Millionen Alarmglocken läuten, die allesamt versuchen mich dazu bewegen, es den Ponys gleich zu tun: wegrennen.
Mein Kopf besiegt meinen inneren Gefühlskampf: Panik ist hier genug vorhanden, strahle Ruhe und möglichst viel Gelassenheit aus, dann wird dir nichts passieren..

Irgendwie schafft Martin es, sich mit der Stute seinen Weg durch die Herde zum Fohlen zu bahnen und versucht nun mit den Beiden durch die zusammengeschweißte Einheit aus Pferden oben zum Fohlen-Unterstand zu kommen.

Samira und ich rennen vor, halten die anderen Ponys breitbeinig-und-armig stehend davon ab, Martin, der Stute und dem Fohlen durch das Tor zu folgen.

Nachdem der Pony-Herde wohl klar ist, dass sie an uns nicht vorbei kommen, verharre ich weiterhin in meiner Position, während Samira die rutschige Eisfläche, einst eine Pferdekoppel, hinaufläuft um Martin zu helfen.

Nach gefühlten drei Minuten, vielleicht waren es auch nur dreißig Sekunden, beschließe ich dass ich mich langsam zurück ziehen kann.
Alle Ponyaugen sind aufmerksam auf mich gerichtet, die Stimmung erscheint mir jedoch wesentlich entspannter.
Ich drehe mich um und komme vielleicht zwei Meter vorwärts – höre das Grollen des Bodens unter mir, drehe mich wieder um – und der Rest der Herde galoppiert an mir vorbei.
„Shit, sie kommen“ schreie ich, irgendwie hoffend dass Martin und Samira mich hören und renne den Hang hinauf, den Ponys hinterher.

Oben angekommen sehe ich, dass die Stute und ihr Fohlen bereits in ihrem Unterstand stehen und Martin, von zig Pferden umlagert, in aller Seelenruhe die Strombänder einhakt.

Eine Stunde später liege ich im Bett, die Ereignisse des Tages hüpfen wie ein Flummi sprunghaft durch meinen Kopf, während ich den Chinchillas lausche, die genüsslich ihr getrocknetes Gemüse knabbern.

Samira und ich haben uns bereits um sieben Uhr heute Morgen vor der Tür, die direkt vom Flur in den Pferdestall führt, getroffen.
Nachdem wir die Ponyherde auf die weitläufige Pferdekoppel brachten und gemeinsam auf den Heuboden kletterten, stach uns der pinke Himmel in die Augen, der den Sonnenaufgang hinter den Bergen verriet.
Fasziniert von dieser Schönheit, die durch den meterhohen Schnee und der eiskalten Luft unterstrichen wird, schweigen wir gemeinsam.
Und stellen danach mal wieder fest, wie schön das Leben sein kann und dass wir über ein sehr wertvolles Geschenk verfügen: absolute Freiheit.

Nach dem Stall geht es fix in die Dusche, ein schnelles Frühstück inklusive aufputschendem Kaffee wird herunter geschlungen und schon sitze ich hinter dem Steuer eines 4×4 Nissans.
„Aber vorglühen lassen, gell? Fahrt mir einfach nach“ ruft uns Steffi aus dem losrollenden Auto mit herunter gelassener Fensterscheibe zu.
Die Nacht zuvor hatte es geschneit und die Straßen sind extrem rutschig. Vom Hof führt eine einspurige Straße hinunter in den Ort und ich frage mich, was wohl passiert wenn uns jetzt ein Auto entgegen kommt..?

Wir fahren durch das Mini-Dorf, weiter über einen schönen Pass, in dem Bachläufe rechts und links von uns die Berge hinunter stürzen und gepuderzuckerte Tannen unsere Blicke auffangen. Wunderschön.
Und schon sind wir wieder in Deutschland.

Den Tag verbringen wir total gemütlich in einem Secondhand-Shop mit anschließendem Mittagessen in einem Café und mit tiefsinnigen Gesprächen bei einem Spaziergang am Chiemsee.

Samira und mich verbinden wirklich unglaublich viele Parallelen. Unter anderem unser Heimat-Gefühl für ein außereuropäisches Land: was ich mit Südafrika verbinde, empfindet Samira im gleichen Maße für Neuseeland.
Wie schön ist es bitte, wenn Jemand deine Gefühle genau nachempfinden kann, weiß wovon du sprichst und mit dir darüber einstimmt: in Südafrika bzw. Neuseeland fällt es mir leichter, mich selbst zu lieben und das Leben zu genießen – auch wenn ich nicht zum Urlaub machen dort bin..

An einem Lebensmittelgeschäft halten wir noch schnell und besorgen Wein.
Was für ein Zufall: Es gib Weißwein aus Neuseeland und aus Südafrika. Wenn das kein Wink mit dem Laternenpfahl ist..

Wir lassen uns Richtung Ponyhof navigieren, doch zwischen dem Goodbye-Deutschland  und dem Hello-Österreich-Schild halten wir an und ich tue etwas, was für viele Menschen absolute Selbstverständlichkeit darstellt und für mich etwas ist, was ich das letzte Mal vor drölfzig Jahren getan habe.
Wir steigen aus dem Auto und ich sehe zwei Gestalten, mit eingeklemmten Snowboards unter dem Arm, vor der Haustür stehen.
„Malte!“

Oh man, jetzt im hier im Bett liegend, wird mir noch einmal bewusst, was für ein Zufall da zugeschlagen hat.
Das letzte Mal sah ich Malte zu Beginn meiner Reise im Hostel in Windhoek.
Seit zwei Wochen ist er von seiner Reise zurück und für ein verlängertes Wochenende zum Snowboarden zu seiner Schwester gefahren – die, wie der Zufall es wollte – zehn Kilometer vom Ponyhof entfernt lebt.
Wir Vier verbringen einen superschönen und geselligen Abend beim Kochen und ich merke, dass ich mir untypischerweise auch gar keine Gedanken darüber gemacht habe, ob Samira sich in der Runde wohlfühlen wird.
Die nächste Lektion, die ich, im Nachhinein reflektiert, gelernt habe und jahrelang vermieden habe: Ich darf meine Freunde bzw. Bekannte untereinander „mischen“ und muss mich nicht als Babysitter verantwortlich fühlen..

Was für ein schönes und befreiendes Gefühl, in welches ich mich nun eingelullt, langsam in dem Schlaf tragen lasse..

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