The Killer In Me Is The Killer In You

 

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Ich sitze im trubeligen München am Hauptbahnhof und warte bei einer sonnengelben Kurkuma-Mandelmilch auf meinen Zug, der mich ins kalte und verschneite Tirol bringt, und folge dabei einer meiner Lieblingsbeschäftigung: Peoplewatching.
Die meisten Menschen, die leicht gehetzt an mir vorbeiziehen, tragen Skiklamotten, das Snowboard oder die Skier unter dem Arm geklemmt.
„Ach, mal wieder typisch – ständiges Abgehetze hoch Zehn; man könnte ja die bestimmt pünktlich eintrudelnde Bahn verpassen“ denke ich verschmitzt schmunzelnd und beobachte dabei die typisch deutsche Kleinfamilie: Vater-Mutter-Kind. Während der Vater völlig entnervt versucht, zwei riesige Koffer und einen großen Backpack (bestimmt war das Pärchen vor der Geburt ihres Kindes ständig auf abenteuerlichen Backpacker-Reisen auf sämtlichen Kontinenten unterwegs – so denke ich mir) voran zu zerren, möchte die Mutter ihre Tochter dazu zu bewegen, schneller voran zu schreiten, denn ansonsten gibt es keine Süßigkeiten auf der Zugfahrt..

Die letzten beiden Wochen des Jahres verbrachte ich in Deutschland bei meiner Familie und Freunden. Der Hauptgrund für meinen Heimaturlaub war, dass meine Schwester in meiner Abwesenheit ein zuckersüßes Baby zur Welt brachte – und als stolze Tante wollte ich selbstverständlich dieses kleine Bündel Leben im Arm halten und willkommen heißen.
Und während es draußen in gewohnter deutscher Manier dunkelgrau ist, und von allen Himmelsrichtungen ein feiner Nieselregen auf die Menschen hinabfegt, die es wagen, sich draußen aufzuhalten, sitze ich mit Freunden schnackend bei Weihnachtsplätzchen zusammen und sauge alle Geschichten, die ich vorher schon in diversen Whats-App-Sprachnachrichten hörte, in face-to-face-Situationen auf.
Und trotzdem: das stumpfe Gefühl, welches mich bereits in Windhoek heimsuchte und anschließend in Kapstadt fast vollständig verschwand, schwappte mit voller Wucht wie eine Welle über meinem Kopf zusammen. Müde, leer, stumpf, traurig und eine wahnsinnige Sehnsucht im Herzen, die mich nachts nicht schlafen lässt und tagsüber meinen Geist auf Trab hält. Die Unruhe und leichte Panik in meinem Bauch lässt sich nur durch lange Aufenthalte in der Natur besänftigen. Obwohl ich weiß, dass ich in wenigen Tagen wieder aufbreche, schwindet das Gefühl nicht.
Manchmal erkenne ich die schwarzen Gedanken und den dunklen Schatten nicht, der sich wie Nebel in meinem Kopf festsetzt und an manchen Tagen sämtliche Hirnwindungen ausfüllt.
Ja genau, Depressionen. Und ich versuche immer noch, es von mir fernzuhalten.
„It’s so easy to hide, hey?“ schrieb mir meine Gastmutter aus Windhoek noch gestern Abend, erschrocken darüber, dass sie es in Windhoek nicht erkannt hat. Ja, das ist es. Ich habe es ja selber nicht in mein Bewusstsein hinein gelassen.
Die Menschenmassen strömen immer noch an mir vorbei, und ich lasse meine Gedanken weiterhin schweifen, denke über meine Begegnungen des letzten halbes Jahres durch..

 

Juni 2017.
Ich wurde ungefragt unsanft aus meinem gemütlichen, konservativen Leben gerissen.
Plötzlich standen alle Ampeln auf Grün.
In meinem Kopf tobte eine Horde Affen, mein Herz schlug ausnahmslos wild, in meinem Bauch flatterten riesige Schmetterlinge. Mein Geist war völlig überdreht und mein Körper völlig übermüdet.
Ausgelöst durch eine einzige Begegnung.
Mit einem Schlag wurde mir bewusst, dass jetzt der Zeitpunkt ist, etwas zu ändern.

Manchmal treten Menschen in mein Leben, bei denen ich mich frage, was zur Hölle ich daraus für mich mitnehmen kann.
Ich bin mittlerweile zu der Erkenntnis gekommen, dass sich diese Erkenntnis irgendwann bekennt.
So ist das.
Deshalb feiere ich gerade alle Menschen, die mir je begegnet sind und ganz besonders diejenigen, die mir Anstupser oder Schubser, bewusst oder unbewusst, verpassten (hier hat sich mir die Erkenntnis schon offenbart – denke ich).
Danke, dass ich euretwegen wachsen darf, mich an mir selber aufreiben und piksen kann, dazu lerne und mich weiter entwickeln kann.

 

Ich stehe auf, zahle meine Kurkuma-Mandelmilch, hieve mir den bis auf den kleinsten Millimeter prall gefüllten Rucksack auf den Rücken und mache mich langsam auf den Weg zu meinem Gleis.
Der Zug bringt mich in die eisige Kälte Tirols, wo ich mir einen Kindheitstraum erfülle: leben und arbeiten auf einer Pferdefarm.

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6 Kommentare

  1. Es gibt sie ja nicht die Depression, oder den Depressiven. Jeder Mensch hat, wenn er zu sich selbst ehrlich ist zumindest schonmal etwas erlebt, dass ein Arzt eine depressive Phase nennen würde. Leider gibt es kein Patentrezept wie man die Traurigkeit in Schach hält. Ein Buch, dass mir sehr geholfen hat war: Das Kind in mir muss Heimat finden.

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    • Wie meinst du das, es gibt die Depression nicht?
      Ich denke eine depressive Phase ist normal und menschlich- solange man es schafft dort wieder hinaus zu kommen..
      Wogegen genau hat das Buch geholfen? Da gibt es mittlerweile ja unglaublich viele 🙂

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