Insomnia

 

 

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Zaghaft schiebt sich die klebrige, schokoladenverschmierte kleine Hand in meine, der zur kleinen Hand gehörende Körper drückt sich an mich.
Die Füße am Vorsprung zur nächsten Stufe stehend, merke ich dass die kleine Schokohand jetzt fester drückt – ich blicke hinab und schaue in ein vor Vorfreude strahlendes Gesicht – ein schokoladenverschmiertes Gesicht.
„Aaaaaaaaaaaaaaaaaand JUMP“ hallt es kreischend in meinem Ohr wieder, die kleine Hand drückt noch fester zu bei dem Versuch, die Balance während des Sprungs zu halten.

Nachdem wir zwanzig Stufen hinunter gejumpt sind, spielen wir „hide and seek“, springen auf dem Trampolin, malen mit Asche Hüpfkästchen auf die Steine, lassen die Hunde dem Ball hinterher jagen, puzzlen, malen, spielen „touch“, backen leckere Sandmuffins, tanzen, bauen Wasserbomben, spielen mit dem Puppenhaus, machen Eierwettlauf, essen Schokobananeneis und gucken eine Folge Barbie.

 

Ich bin zurück in Windhoek, die Durchschnittstemperatur beträgt 38 Grad Celsius und die AirCon antwortet darauf, indem sie den ganzen Tag 19°C  Luft in das Haus pustet.
Die Tage ziehen schnell an mir vorbei und obwohl ich meine Gastfamilie toll finde und die Kids meistens lieb sind, stumpfe ich ab.

In meinem Kopf ist Nebel, der sich auch nach vier Tassen Kaffee nicht lichtet. Ich wache nachts zwischen drei und vier  Uhr auf und starre mit aufgerissenen Augen nach draußen – froh darüber, dass ich dank der kühlen Nachtluft unter meiner Decke liegen bleiben kann.

Was mit mir los ist, frage ich mich zum wiederholten Male, Nacht für Nacht. Es wird beinahe mein Rhythmus: schlafengehen, gegen drei Uhr aufwachen, noch etwas liegen bleiben (wohl in der Hoffnung, zurück in den Schlaf zu finden), irgendwann den müden Körper Richtung Küche schleifen, den ersten Kaffee anschmeißen und dann auf meinem Balkon, gierig das braune Gebräu schlürfend, den Sonnenaufgang beobachten.

Wenn ich meine Blicke zu den naheliegenden Nachbarn schweifen lasse, sehe ich nichts außer graue und beige Betonwände, gepflasterte Gärten und hohe Zäune. Wissen die Kinder hier überhaupt, wie es sich anfühlt, barfuß über Gras zu laufen?

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Irgendetwas in mir fühlt sich leer an; etwas, was ich nicht erklären kann. Ich suche nach Gründen und finde keine. Ich bin gleichzeitig rastlos und fühle mich dennoch müde.

Zwei Wochen nach meiner Ankunft beginnen die Sommerferien in Namibia und somit enden auch meine freien Vormittage, die ich bislang mit Lesen oder Schreiben verbrachte oder mich über Dieses und Jenes mit Maureen, der Haushaltshilfe meiner Gastfamilie, unterhielt.

Ich fahre mit meiner Gastmutter und den Kids nach Swakopmund, um vor dem großen Urlaub noch die Großeltern zu besuchen. Wenn wir zurück nach Windhoek kommen, werden wir uns bereits am nächsten Tag auf den Weg in die Nähe von Kapstadt machen, da hier die Familie meines Gastvaters lebt.

Mein großes Glückslos, dass ich das zweite Mal die Möglichkeit habe, nach Kapstadt zu kommen.
Auf dieser Fahrt jedenfalls scheitere ich auf ganzer Linie mit meiner Aufgabe als „Kindermädchen“: Während der gesamten Tingelei durch die Wüste kann ich die beiden Mädels nicht beruhigen. Ob es die falschen DVDs, die falschen Süßigkeiten, der falsche Malblock oder der falsche Apfel sind: Das Hauptproblem ist, dass ich kein Afrikaans spreche und nur das ältere Kind die englischen Basics spricht.

Aus meiner Sicht gibt es weitere Probleme, die jedoch erziehungstechnischer Natur sind. Ich habe mir aber vorgenommen, dass ich auf meinen Reisen nicht weiter als Therapeutin fungiere und mich nicht in anderer Leute Erziehungsmethoden einmische, wobei ich mir Ausnahmen, die absolut gegen mein Verständnis gingen, vorbehalte.

Als wir in Langstraand, zwischen Swakopmund und Walvisbay, ankommen, bin ich restlos begeistert: die raue Meeresluft auf der einen Seite und heiße Wüstenlandschaft auf der anderen Straßenseite.

Die nächsten Tage verbringe ich möglichst oft am Strand, atme gierig die kalte und salzige Luft ein, höre entzückt dem Rauschen der Wellen zu, sammel Muscheln und klettere auf algenbesetzten, glitschigen Felsen umher.

Mit meiner Gastfamilie fahre ich nach Walvisbay und sehe Pelikane und Flamingos; wir fahren zur Dune 7 und kraxeln mühselig durch abwechselnden Nieselregen und Sandstürme hoch hinaus; wir verbringen einen ganzen Tag in Swakopmund.
Hier fühle ich mich wie in einem kleinen Urlaubsort in Deutschland. Die Stadt ist irgendwie süß, aber so wirklich überzeugen kann sie mich nicht.
Ich genieße die Zeit, bemerke aber dass die Leere in mir nicht schwindet.
Gegenteilig habe ich sogar das Gefühl, dass ich mich grau und stumpf fühle.
Hilfe, wo ist mein Buntsein hin verschwunden??

 

Drei Tage später: Es ist 4:15 Uhr am Morgen in Keetmanshoop und ich treffe mich am Auto mit meiner Gastfamilie. Gestern Nachmittag haben wir bereits die fünfhundert Kilometer von Windhoek aus hinter uns gebracht und heute liegen noch circa achthundert Kilometer vor uns. Dreihundert Kilometer sind wir noch von der Grenze Namibia-Südafrika entfernt.
Ich habe mal wieder schlecht geschlafen, bin seit halb zwei wach und habe mich bereits mit drei Tassen Kaffee aufgeputscht. Der Effekt hält aber nicht wirklich lange an, und ich bin mehr als dankbar, als meine Gastmutter mir den Beifahrersitz anbietet und falle bis zur Grenze in tiefen Schlaf.

„Was ist denn auf ihrem linken Ringfinger?“
Wir sind am Grenzübergang und reisen gerade aus Namibia aus. Vor einiger Zeit wurden hier die Handscans eingeführt, die ich bisher noch nicht über mich ergehen lassen musste – bis heute.
Mir schlägt das Herz bis zum Hals.
Wehe, ich darf jetzt nicht nach Südafrika einreisen..
Ich schaue auf meinen linken Ringfinger und obwohl ich weiß, dass keine Narbe oder sonstwas da sein könnte, suche ich akribisch alle Rillen auf dem oberen Fingerglied ab.
Schulterzuckend halte ich dem Beamten meinen nun schweißnassen Finger unter die Nase und nach eingehender Begutachtung seinerseits fordert er mich erneut auf, nur diesen Finger auf den Scanner zu legen. Was für eine Verrenkung – meinen kleinen Finger muss ich mit der rechten Hand festhalten.
„Ach, keine Ahnung – das ist mir heute schon mehrmals passiert. Liegt wohl an dieser Technologie“ murmelt er und drückt mir den Stempel in den Pass.
Innerlich verdrehe ich amüsiert die Augen – wie typisch.

Piketburg. Einhundertfünfzig Kilometer von Kapstadt entfernt.
Ich stehe auf einem Anwesen irgendwo auf einem Berg und versuche, mein Handy ins WiFi einzuloggen. Das weit entfernte Motorradgeräusch nehme ich nur kurz wahr, widme mich dann wieder der Internetverbindung.
Irgend ein Gefühl lässt mich aufblicken.
Bernstein.
Goldfarben, zart schmelzend, warm, wunderbar vertraut.
Zwei Arme schlingen sich um meine Taille und lassen mich die mentale Anstrengungen der vergangenen Tage vergessen.

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