Like A Virgin

Zack – neuer Stempel im Reisepass.
Grinsend mustert mich der Beamte.
„Welcome Home“ nuschelt er; ich schlüpfe aufgeregt an ihm vorbei und laufe schnurstracks zum routierenden Gepäckband wo – oh Wunder – mein Lieblingsrucksack gerade seine Runde dreht.
Schnell geschnappt und ab gehts in die Empfangshalle.

 

Bernstein.
Goldfarben, zart schmelzend, warm, wunderbar vertraut.
Zwei Arme schlingen sich um meine Taille und lassen mich die mentale Anstrengungen der vergangenen Tage vergessen.

 

Mit dem Motorrad schlängeln wir uns geschickt an den Autos im Feierabendverkehr vorbei, und obwohl es meine Jungfernfahrt ist (Na gut, mit 8 oder 9 durfte ich mal bei einer Nachbarin mitfahren) finde ich recht schnell Gefallen an diesem fahrbaren Untersatz, oder vielleicht an den Fahrkünsten meines Fahrers, und kann meine Blicke schweifen lassen.
Wohin ich auch schaue, sehe ich eins: vertrautes Gefilde.
Nichts hier fühlt sich fremd oder ungewohnt an, obwohl ich nicht mit Sicherheit sagen kann dass ich diese Straße schon einmal entlang gedüst bin.

 

Und dann sehe ich ihn.
Anmutig schön und lässig ragt er gen Himmel empor, die Wolken betten ihn leicht ein und lassen ihn aussehen, wofür er bekannt ist: Table Mountain.
Eine wohlig-warme Erinnerungswelle überflutet mich, mir stockt für einen kurzen Moment mein Atem und in meinem Bauch fliegt ein kleiner, sehr glücklicher Schwarm seidiger Schmetterlinge herum. Dieses Gefühl hatte ich ehrlich gesagt erst ein einziges Mal: bei meinem letzten Besuch hier.

 

„Spit into it“ fordert mich Juan auf.
WTF?? Ist mein passiver Englischwortschatz so schlecht oder fordert der mich gerade echt auf, in meine Taucherbrille zu spucken? Ich ziehe sie vorsichtshalber noch einmal durch das salzige indische Ozeanwasser, bevor er seine Hand auffordernd nach der Taucherbrille ausstreckt. Oh man, der meint es echt ernst, aber ich bevorzuge, wenn schon – denn schon, meine eigene Spucke.

Es ist kälter als eiskalt, als ich das allererste Mal in meinem Leben unter Wasser bewusst nach Luft schnappe und – oh Wunder, ich kann es kaum glauben – dank des Schnorchels tatsächlich weiteratmen kann.
Ich begutachte diese wunderschönen, schillernde Farben und Formen, verschiedenste Muschelarten, Fische, Seesterne und Seeigel und genieße die wohltuende Ruhe der Unterwasserwelt. Die Kälte ist schnell vergessen.
Ich drehe meine Runden durch die von der Natur gebildeten Pools, die vor einer Stunde noch vom Ozean überspült wurden und nun, der Ebbe sei Dank, nur noch alle paar Minuten von einer ehemaligen hohen Welle seicht mit Salzwasser aufgefüllt werden.

 

Ich muss mal kurz weinen. Vor Glück, vor Freude, vor Erleichterung.
Wir sind gerade auf dem schönsten Fleckchen Erde, das ich je sehen durfte.
In Wilderness.
Ich will hier bleiben.
Place to be.
Nicht nur, dass ich ernsthaft den allerbesten Käsekuchen meines Lebens in diesem Örtchen testen durfte ( Sorry, Mum. Unser Käsekuchen ist lecker – aber der hier schmiiiiiiilzt im Mund ❤ ), nein – die Aussicht ist der Auslöser für meine Tränen und dieses unglaubliche Heimat-Gefühl, welches mich nun zum dritten Mal in meinem Dasein auf diesem Planeten überströmt.
Ich bin so damit beschäftigt mich dieser Gefühlswelle hinzugeben, dass ich dem Gespräch zwischen dem Bernstein-Mann und den Besitzern des Hostels, auf dessen Veranda wir gerade sitzen, unhöflicherweise absolut nicht folgen kann.

Stattdessen lasse ich die letzten Tage in meinem Geiste revue geschehen.
Innerhalb kürzester Zeit habe ich viele erste Male erlebt: Tagesausflug auf dem Motorrad; Wale in Hermanus gesichtet; im indischen Ozean geschnorchelt; homemade Rusks by Katja&Juan in schwarzen Tee getunkt; rohen, frisch gespeerfischten Fisch gekostet; frische Muscheln in Weißweinsauce probiert; auf dem Rückweg einer extrem astreinen Party auf der Matratze im Kofferraum von Juans Pickup-ähnlichem Gefährt mit Katja über Gott und die Welt gequatscht und anschließend eingeschlafen; nächtlicher Skinny-dip im Fluss bei Knysna; und noch so vieles was mehr..
Nun sitze ich hier und komme nicht darüber hinweg zu denken: Das Leben ist so dermaßen genial. Wie kann ich jemals wieder ruhigen Gewissens an einen anderen Ort zurückkehren, wenn ich weiß, dass so etwas wie hier existiert?

 

Die 450 Kilometer, die wir zuvor auf zwei Tage verteilten und an der Küste entlang brausten, legen wir heute an einem Tag zurück und fahren durchs Landesinnere. Im Vergleich zur saftig grünen und vor Leben strotzenden Küstenlandschaft fahren wir nun durch eine sandig-gelbe und trockene Wüste zurück nach Kapstadt. Obwohl so anders, bin ich auch dieses Mal völlig hin und weg von dieser Vegetationsvielfalt.

 

Die nächsten Tage verbringen wir je nach Lust und Laune und Wetter; wir beklettern den Tafelberg von Constantia aus, bummeln durch die Stadt und füttern die Squirrels und Tauben im Companys Garden mit Erdnüssen, verbringen Stunden auf sämtlichen Märkten der Stadt, trinken jede Menge Kaffee und futtern uns durch nicht gerade wenige Käsekuchenangebote – übrigens kann keiner dem in Wilderness das Wasser reichen; düsen den Chapmans Peak Drive entlang, betrinken uns spontan in sengender Hitze auf dem Old Biscuit Mill im Stadtteil Woodstock, genießen Sonnenuntergänge auf den Felsen in Camps Bay, …

Durch den Bernstein-Mann lerne ich viele weitere tolle Menschen kennen, die mir durch ihre warme Herzlichkeit und entspannte Offenheit unheimlich imponieren.
Irgendwie fühlt es sich alles selbstverständlich an; nicht ein einziges Mal habe ich das Gefühl, dass ich eine Fremde bin.
Was diese Menschen aus meiner Sicht betrachtet alle gemeinsam haben: sie sehen und fühlen mit ihrem Herzen.

 
Ich sitze im Flieger nach Windhoek, starre gedankenverloren aus dem Fenster und sehe dabei zu, wie uns die Landebahn immer schneller entgegenprescht und sich das Flugzeug wie von einem Seil gezogen in die Lüfte erhebt.
Das schrecklich nagende Gefühl des Heimwehs (in diesem Fall ist Kapstadt gemeint), welches sich bereits zwei Stunden vor Abflug meldete, löst sich bei dem Gedanken an all die wunderbaren Menschen die ich hier treffen durfte auf und eine satte, zufriedene Liebe sowie tiefe Dankbarkeit erfüllen mich.
Entspannt lehne ich mich zurück.
Auf gehts ins nächste Abenteuer.

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