Birdcounting

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„One kilometre. Get out of the car.“
Ich öffne schwungvoll die Tür zu meiner Rechten und hüpfe aus dem Geländewagen, froh, der Löffelchenstellung, die wir zu viert auf dem Rücksitz einnehmen um alle Körperteile ins Auto zu quetschen, für weitere fünf Minuten zu entkommen.
Fünf Minuten.
Stille.
Absolute Stille.

 

Plötzlich zerreißt ein Vogel mit seinem ganz eigenen Gezwitscher die Stille.
“ Ein Braunbartspecht. Hör mal, wie die Zündung bei einem Motorrad- da sind zwei Töne. Wäre es nur ein einziger Ton, also monoton, wäre es ein Capricornspecht“ flüstert Greg aufgeregt. Kairo lauscht angestrengt, nickt und kritzelt Etwas auf ein Stück zerrissenes Papier auf einem Klemmbrett.
Mein Blick schweift zu David, dessen Gesicht ich im Dunkeln kaum ausmachen kann – bis er zu grinsen beginnt und seine weißen Zähne um die Wette strahlen.
Eckerhardt sitzt etwas abseits von uns auf seinem Campingstuhl, den er nach jedem Kilometer wieder für fünf Minuten aus dem Kofferraum räumt und sich mit konzentriertem Gesichtsausdruck und geschlossenen Augen darauf niederlässt.
Beate steht neben mir, die Arme in die Hüften gestemmt und schaut in die Dunkelheit.

 

Bird-Counting by night auf Impalila Island.
Gelandet bin ich hier, weil meine Gasteltern mit Eckerhard, ein Biologie-Professor an der Universität in Katima, befreundet sind und dieser bei seinem letzten Besuch auf der HippoLodge die Forscher und Ornithologen Kairo und Greg mitbrachte, welche momentan Katima Mulilo promovieren.
Eckerhardt wollte unbedingt, dass Beate als Vogelkennerin mit dabei ist und da ich seit meiner Ankunft hier ein wachsendes Interesse an der Vogelwelt zeige, durfte ich mit.

 

Müde, aber ziemlich happy falle ich nach der vierstündigen, rumpelpumpeligen Autofahrt in meinem knackig aufgeheizten Zelt in kurzzeitigen Tiefschlaf und werde um drei Uhr morgens geweckt – von einem Hahn.
Von einem Hahn!!!
Zwei Gedanken dominieren in meinem Kopf:
1. Krähen die Viecher nicht erst gegen 5 Uhr morgens?
2. Was zur Hölle ist auf Impalila Island los, dass ich hier morgens nicht von zarten Vogelstimmchen, sondern von einer krächzigen Hahnstimme geweckt werde?
Nun, letzterer Gedanke ist der eigentliche Grund unseres Besuches hier.

 

Um 6:30 fahren wir, zusammengepfercht in mittlerweile gewohnter und einstudierter Löffelchenstellung, mit dem Auto der UNAM  lächerliche, aber bei 43 Grad anstrengende und hügelige dreihundert Meter zu unserem Skipper Given, der schon im Boot auf uns wartet.
Sobald der Motor startet, wird alles gezählt und aufgeschrieben, was an Tieren gesehen wird.
Zwei Minuten nach Start, wir zählten bereits drei Krokodile und sämtliche Vogelarten auf einer Sandbank, steigt am Ufer neben uns ein riesiger Steinkopfseeadler auf – und landet einige Meter entfernt um seine zwei mit aufregendem Flügelschlag wartenden Jungtiere zu füttern.
Der reine Wahnsinn.

 

Ich sitze hinten bei Given, während wir durch einen Channel schippern und versuche meine Eindrücke zu sortieren. Überall schwirren und zwitschern bunte Vögel, riesige Raubvögel ziehen über den Ufern ihre Kreise, giftgrüne kleine Schlangen schlängeln blitzschnell über das Wasser, blühende Seerosenteppiche in nahezu jeder kleineren Bucht, große und kleinere Krokodile liegen auf Sandbänken und beäugen uns kritisch, wenn wir näher kommen, Nilpferdherden warten im Wasser darauf, dass wir vorüber ziehen – es ist einfach unbeschreiblich. Hinzu kommt die erbarmunglos vom Himmel knallende Sonne und die Professoren und Beate, die sich die englischen Vogelnamen um die Ohren hauen.

 

Nach drei Stunden Fahrt ist der Channel zuende und wir drehen um.
Nach einem kleinen Snack – RRRTSCH – geht der Motor des Bootes tuckernd aus.
Tja, leider überhitzt, erklärt Given grinsend. Somit schippern wir mit gerade einmal 4 Knoten zurück Richtung Impalila Island, halten dann zwischendurch an einer Uferböschung damit Given einem Fischer einige Fische abkaufen kann und zuckeln weiter.

 

Nach einigen Stunden kommen wir schließlich wieder an (Halleluja, danke, danke, danke – dabei bin ich gar nicht gläubig), fahren zurück zum Haus, essen schnell eine weitere Kleinigkeit, begrüßen David und springen wieder zurück ins Auto. Eckerhardt möchte Beate und mir den größten Baobab (Affenbrotbaum) auf der Insel zeigen. Dies ist erstens nur mit einem Local, also David, möglich, da man sich auf der Insel schnell verirren kann und zweitens ist der Ort, an dem der Baobab steht, als heilig gekennzeichnet und für Weiße nur in Begleitung eines Schwarzen gestattet.

 

Wir stehen also vor einem riesigen Baum, von dem die Locals glauben, dass der liebe Gott sie vom Himmel herunterschmeißt, denn die Äste sehen den nach oben streckenden Wurzeln sehr ähnlich.
Es ist irgendwie seltsam, denn man merkt tatsächlich, dass hier eine andere Stimmung herrscht und obwohl ich extrem beeindruckt bin – so glücklich bin ich auch, als wir wieder im Auto sitzen und zurück in unser Camp düsen, denn gleich geht es weiter mit Bird-Counting by night No 2.
Vorher sehen wir aber noch etwas ganz Anderes: wir fahren an riesigen Müllbergen vorbei, die hier von den Lodges hingekippt werden.
Es ist ein schrecklicher Anblick. In diesem Paradies wirkt es völlig fehl am Platz.

 

Am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe – natürlich krähte der Hahn uns wieder zwei Stunden zu früh wach – machen wir uns erneut auf den Weg zu unserem Boot.
„Wo ist mein Bird-Buch? Ich kann es nicht finden. Gestern hatte ich es noch hier im Auto liegen. Ich denke es wurde gestohlen“ wütend schnaubt Kairo vor sich her.
„Oh, das Fenster war die Nacht über auch offen“ kippt Eckerhardt noch etwas Benzin ins Feuer.
„Dann kann es nur geklaut worden sein. Wo sollte es sonst sein? Ich habe überall danach gesucht.“
Beate und ich krümmen uns hinten auf dem Rücksitz vor Lachen. Diese drei Professoren sind ein absoluter Slapstick. Absolut fokussiert auf ihre Forschung, auf ihre Tiere und Pflanzen gibt es natürlich (!!) nur die Möglichkeit, dass Jemand auf unser Gelände gekommen ist, um ein Vogelbuch aus dem Auto zu klauen..
Dieses Mal war ich beim Zählen voll dabei: Pied Kingfisher, Giant Kingfischer, Goliath Hereon, Grey Hereon, Black Smith, Fisheagle.. in meinem nächsten Leben werde ich afrikanische Forscherin, nahm ich mir vor.
Wie geil ist es bitte, solch eine wunderbare Natur zu erleben und erforschen zu dürfen?

 

Eckerhardt begleitet uns mittags mit dem Boot zurück nach Kasane, nachdem wir uns auf Impalila Island bei der Immigration für Namibia ausgetragen haben, um uns in Kasane wieder für Botsuana einzutragen. Zum Abschied nimmt er mich herzlich in den
Arm und sagt mir, dass ich in seinen Augen absolut keine typisch Deutsche bin. Mein Herz macht einen kleinen Freudensprung, denn: zum ewig meckernden Teil der Bevölkerung möchte ich nicht gerne gehören.

 

Beate und ich fahren durch den Chobe-Nationalpark zurück, sehen einen Büffel und drei schüchterne Zebras und tragen uns anschließend wieder für Botsuana aus, um uns drei Kilometer entfernt wieder für Namibia einzutragen.

 

Ich bin fix und fertig, als wir schließlich auf der HippoLodge eintreffen und bei einem GinTonic den Sonnenuntergang genießen.
Impalila Island hat mich mächtig beeindruckt.

 

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